Gestern war Islamismus-Expertin Claudia Dantschke von der Berliner Beratungsstelle Hayat bei Alev Korun und mir zu Gast. Thema war das Erstarken der islamistischen und dschihadistischen Szene in Österreich und Deutschland.

Warum wird plötzlich in Österreich und Deutschland vermehrt rekrutiert?

Am Beginn dürfte der Zuzug salafistischer Prediger aus Ägypten stehen, die dort verfolgt wurden. Sie haben dann gezielt bereits hier lebende Muslime angesprochen und als Prediger rekrutiert. Diese Generation hat durch die geschickte Nutzung der sozialen Netze im Internet eine deutliche Verbreiterung erreicht. Zudem brach sie bereits erfolgreiche Glaubensinhalte auf den Alltag migrantischer Jugendlicher herunter. Bereits in dieser Phase hatte die politische – also islamistische Agitation – eine zentrale Bedeutung. Ergänzt durch Straßenarbeit mit praktisch sozialarbeiterischen Konzepten wurden Jugendliche geschickt dort abgeholt, wo sie sich mit ihren Problemen befanden. So hat sich eine „ungebundene“ Islamistenszene entwickelt, die nicht aus den Moscheen, sondern parallel dazu entstanden ist. Im Gegenteil – manche Moscheen mussten nun vielmehr zur Kenntnis nehmen, dass vor allem Jugendliche auf Grund dieser neuen Konkurrenz den Moscheen fern blieben. Das hat zum verhängnisvollen Fehler geführt, dass einige Moscheevereine salafistische Prediger in ihre Moscheen geholt haben, um vor allem Jugendliche wieder zurückzugewinnen. Später, als das Problem mit sogenannten „Hetzpredigern“ virulenter wurde, grenzten sich die großen Verbände wieder von der salafistisch und militant-islamistischen Szene ab, während das bei so mancher arabischen Moschee deutlich schwerer zu fallen scheint.

Die militante Szene kann nur einen sehr kleinen Teil der gläubigen Muslime ansprechen – die überwiegende Mehrheit will mit dieser nichts zu tun haben – und sucht sich ihre Zielgruppe genau aus.

Nach welchen Überlegungen rekrutieren die Dschihadisten?

In der Regel werden nicht religiöse, sondern entwurzelte und labile Persönlichkeiten mit der Suche nach emotionalem Halt angesprochen. Meist gibt es massive familiäre Konflikte im Hintergrund und die islamistischen Gruppen werden als Ersatzfamilie angeboten. Die Betroffenen haben oftmals Diskriminierungserfahrung und zahlreiche nicht verarbeitete Misserfolge und Frusterlebnisse vorzuweisen. Autoritäre Erziehungsstrukturen und die Unsicherheit über das eigene Männlichkeitsbild spielen den Rekrutierern zusätzlich in die Hände. So überraschend es klingt, auch die Sehnsucht nach Sexualität, die oft durch rigide Erziehungsgebote in den Familien massiv unterdrückt wird, wird durch das Versprechen, im Kalifat heiraten zu können von manchen Burschen und Mädchen zum entscheidenden Motiv.

Soziale Probleme und Religion dürften entgegen landläufiger Meinung geringere Bedeutung für die Rekrutierung haben. Zwar spielt soziale Perspektivenlosigkeit den Islamisten in die Hände, ist aber als alleiniges Rekrutierungsmotiv nicht ausreichend. Auffällig ist auch, dass die vielen in Westeuropa rekrutierten Dschihadisten aus wenig religiösen Familien stammen und gerade weil sie kein klares Islambild haben, ein leichtes Opfer werden.

Das Angebot der Dschihadisten ist einfach. Der Prophet Mohammed wurde aus Mekka nach Medina vertrieben und ist siegreich zurückgekehrt. Verlasst Westeuropa, wo euch niemand will und geht nach Syrien, um dort die Entscheidungsschlacht um das Kalifat zu gewinnen, entweder als Märtyrer ins Paradies zu gelangen oder dann siegreich nach Westeuropa wie der Prophet nach Mekka zurückzukehren. Claudia Dantschke formulierte treffend, warum die Dschhadisten damit erfolgreich sind: „Das Problem ist, dass das schwierig zu widerlegen ist, denn im Paradies war noch niemand, um den Nachwuchs-DschihadistInnen glaubhaft vermitteln zu können, dass es dieses Paradies gar nicht gibt und sie lieber aus ihrem Leben auf der Erde etwas machen sollen.“

Nach den Anschlägen von Paris wurde in Österreich ein Anti-Terrorpaket im Umfang 300 Millionen Euro geschnürt. Nicht einmal 10% davon sollen für Prävention und Deradikalisierung ausgegeben werden. Damit wird man die Auseinandersetzung mit dem Dschihadismus nicht gewinnen.

Morgen: Islamismus und Rechtsextremismus – Gibt es da mehr Gemeinsamkeiten als angenommen und ist der Islamismus eine Form von Rechtsextremismus?

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