Jetzt haben in England nach den Unruhen die politischen Aufräumungsarbeiten begonnen. Der konservative Premierminister hat sich seine eigenen Erklärungen zusammen gezimmert: Englands Gesellschaft sei schuld. Sie leide an einem moralischen Kollaps. England habe Schulen, wo es keine Disziplin und Familen, wo es keine Väter gäbe. Kriminelles Verhalten werde nicht streng bestraft. Andere behaupten gleich die 68er-Bewegung trage die Verantwortung, weil sie die „alten Werte“ in Frage gestellt hätte. So weit – so unsinnig.

Tatsache ist, dass die konservative Regierung ein Problem hat. Ihr politisches Modell steht vor dem Bankrott. Hintergrund der Auseinandersetzungen waren aber weniger die Sparmaßnahmen der Regierung, sondern sind das Ergebnis von 30 Jahren brutaler neoliberaler Politik, die die konservative Margaret Thatcher Anfang der 1980er-Jahre eingeleitet hat. Breite Bevölkerungsschichten haben alleine weil sie in die „falsche Familie“ geboren werden, keine Chance auf ausreichend Bildung und sozialen Aufstieg. In einem individuellen Gerechtigkeitsempfinden nimmt man sich, was man anders nie bekommen könnte oder verschafft sich gesellschaftliche Aufmerksamkeit, die sonst verwehrt wird. Der neoliberale Konkurrenzkampf kennt Gewinner und Verlierer. In den letzten Wochen haben sich die Verlierer zu Wort gemeldet.

Eine politische Protestbewegung sind die Unruhen aber nicht – sie sind vielmehr ein soziales Phänomen. Die Sehnsucht nach derKasernendisziplin englischer Eliteschulen des 19. Jahrhunderts oder der „heilen Familie“ ist einplumper Versuch der Umdeutung, um die ideologische Niederlage zu verschleiern. Der Neoliberalismus ist wirtschafts- und gesellschaftspolitisch gescheitert.

5 Kommentare bis jetzt.

  1. KHG sagt:

    Ein ziemlich schlimmer Finger – dieser Neoliberalismus.
    Seit der Jahrtausendwende scheint er ja geradezu als Erklärung für alles Böse und Schlechte in dieser Welt veranwortlich zu sein.

  2. Michael Jank sagt:

    Sehr geehrter Herr Steinhauser!

    …zur Ihrer Meinung über die Unruhen in den englischen Städten von letzter Woche möchte ich folgendes anmerken: Sie haben recht, wenn Sie den Neoliberalismus wirtschaftlich und gesellschaftspolitisch als gescheitert beurteilen.

    Gleichzeitig sei angemerkt, dass der Neoliberalismus auch von linksorientierten Politiker gefördert wurde. Sei es ehemals Rot Grün in Deutschland, sei es die ehemalige sozialistische Regierung in Ungarn und auch in England war seit Thatcher Mitte- Links- Regierungen an der Macht. Wie dem auch sei, – der Neoliberalismus in seinen unterschiedlichsten Erscheinungsformen und Facetten hat seine Schwächen. Es stellt sich auch noch die Frage, was die „Alternative“ zum Neoliberalismus ist. Wahrscheinlich irgendeine Mischform. Der Sozialismus als Gegenpol kann jedenfalls auch keine Lösung sein.

    Nur der neoliberalistischen Politik die Schuld zu geben, ist alleine zu wenig!
    In der Tat gibt es auch noch eine moralische und ethnische Ebene, welche in den letzten Jahrzehnten sukzessive untergraben wurde. Und zwar in den meisten Industrienationen, natürlich gefördert von der Öffentlichkeit wie div. Medien, bis hin zur Politik.
    Das eine sind die vielen Politiker, Manager, usw., welche teils ganz üppig von der öffentlichen Hand leben bzw. auf den Börsen mit Spekulationen ihr Unwesen treiben.

    Das andere aber ist, dass durch die Untergrabung verschiedener moralischer und ethnischer Normen vielen heranwachsenden Menschen die Chance genommen wurde, sich in ihrem Leben zu entfalten.
    Denn zum Wohlstand der Gesellschaft gehört nicht nur die geistige Bildung („Know How“), sondern auch eine „Bildung des Herzens“, also eine moralische und ethnische Dimension.
    Sie können mir vielleicht rechtgeben wenn ich sage, dass man zum Erreichen seines persönlichen Lebenszieles (z. B. Beruf, Familie usw.) nicht nur das geistige „Know How“ benötigt, sondern auch eine gewisse Moral und Ethik die einem verpflichtet, gewisse Dinge zu tun und gewisse Dinge zu
    unterlassen. –Denn ein zügelloser Lebensstil führt sicher nicht zum Erreichen seiner persönlichen Lebensziele.
    Kurz um: Junge Menschen (und mit 23 fühle ich mich auch als so einer) brauchen zunächst einmal qualitative Lebensziele, für die es sich lohnt, sich anzustrengen.
    Dazu können auch Vorbilder helfen. –Sofern es die richtigen Vorbilder sind (damit meine ich jetzt gewiss keine Lady Gaga ;-)). Es geht also um Orientierungslosigkeit, die sich heute trotz gestiegener Möglichkeiten und Angebote in der Bildung und im Beruf gestiegen ist.

    Das sind die WICHTIGSTEN Perspektiven, welche junge Menschen brauchen. Erst dann kommen die von Ihnen beschriebenen gerechten Bildungschancen, die nur zu begrüßen wären…

    …und noch was zu den so genannten „Problemfamilien“, aus deren viele dieser betroffenen Jugendlichen kommen:
    Hier hat der Staat die Aufgabe, ganz besonders die Familien bzw. Eltern in ihrer Erziehung zu unterstützen. Denn man weiß nachweislich, dass „gesunde“ Familien,
    das Rückgrat jeder Gesellschaft sind und noch viel mehr: Sie sind ein Indikator für Stabilität in der Wirtschaft, Arbeitsmarkt und vor allem auch für die
    Freiwilligenarbeit. -Dort wo familäre Probleme den Alltag betonen, bleibt oft nur noch wenig Zeit sich wo freiwillig zu engagieren, sei es in der Politik, Roten Kreuz, kirchliche Sozialeinrichtungen, Feuerwehr usw.

    …im Übrigen richteten sich diese Anschläge meistens nicht gegen die „Superreichen“, sondern wie wir aus den Medien erfahren konnten, wurden eher „normale“ BürgerInnen Opfer dieser Krawalle.

    Beste Grüße

    Michael Jank

  3. Michael Jank sagt:

    …auf die Möglichkeit des Postens habe ich noch gar nicht gedacht 😉

    Zu den „abwesenden“ Vätern (oder auch Mütter): Die Erfahrung der Menschheit zeigt aber, dass jedes Kind für die Entwicklung Vater und Mutter benötigt. Gewiss ist das nicht immer möglich. -Es muss ja nicht immer eine Scheidung sein, -es kann auch der Tod eines Elternteiles sein.
    Freilich, -die Herkunft aus einer „klassischen“ Familie ist noch kein Garant dafür das aus dem Kind „etwas wird“, ebenso wie es nicht zwingend sein muss, dass aus einem Kind „nichts wird“ wenn es „nur“ einen alleinerziehenden Elternteil hat, um es einmal plakativ schwarz weiß zu beschreiben.

    Ich möchte Ihnen dazu ein Zitat aus einem Bericht der Polizei über Jugendkriminalität bringen, welchen Sie hier abrufen können:
    http://direktion.bgbrgleibnitz.at/OK-Literatur.pdf
    „“
    Viele jugendliche Straftäter stammen aus zerrütteten Familienverhältnissen: sie werden unehelich geboren, wachsen ohne ein Elternteil auf oder die Ehe der Eltern wird früh geschieden. Eine Scheidung wird v.a. dann für das Kind problematisch, wenn die Kinder nach Trennung der Eltern sich selbst überlassen werden, wenn der alleinerziehende Elternteil aus finanziellen Gründen plötzlich ganztägig arbeiten muss und das Kind so den Großteil des Tages sich selbst überlassen wird oder keinen Ansprechpartner hat, wenn die Eltern ihre eigenen Probleme auf die Kinder abladen oder wenn generell ein Mangel an emotionaler Nähe besteht; diese Defizite können schließlich durch falsche Freunde oder eine Flucht in die Gewalt kompensiert werden.“““

    So gesehen hat David Camaron nicht ganz unrecht (wobei man da nie verallgemeinern darf!!). Denn kein alleinerziehender Elternteil sucht sich das Los selber aus. Bei Trennungen gehen ja irgendwelche Konflikte voraus. -Und solche Konflikte bekommen die Kinder unweigerlich mit.

    Zu den „Patchwork“- Familien: Meine Eltern bilden derzeit in ihrem Betrieb 9 Lehrlinge aus. Als ländlicher, mittelständischer Familienbetrieb kennt man auch von allen der Herkunft. Von einigen weiß man, dass sie bereits ihre zweiten oder dritten Väter haben. -Und trotzdem merkt man ganz stark wie „alte“ Konflikte Chaos in den „neuen“ Familien bringen, -sei es eine Ablehnung gegenüber den neuen Elternteil, sowie umgekehrt oder sonst irgendwie.
    Geborgenheit und die Möglichkeit sich „Auszureden“ gibt es da oftmals kaum.
    Das Einzige, was man als Betrieb machen kann ist, dass man selber die Möglichkeit bietet, den jungen Leuten zuzuhören wenn sie ein Problem haben.

    Das man Unterhaltsrecht nach Trennungen auf die heutigen Herausforderungen optimiert ist wichtig. Das verwarloste Jugendliche Heimat finden können ebenso.
    Doch am allerwichtigsten ist es, langfristig die Ehe und die Familie zu fördern und junge Menschen dazu zu motivieren, diesen Schritt zu wagen, auch wenn diese oftmals selber durch die gescheiterte Beziehung der Eltern negative Erfahrungen damit gemacht haben.
    Denn auch die Statistik spricht klare Sprache: Ehen halten noch am meisten, als sonstige Partnerschaften oder eheähnliche Gemeinschaften, von denen ich mir übrigens nicht viel erwarte, da man heute meist eh schon besser bedient ist wenn man nicht heiratet und einfach „nur so zusammenlebt“.

    Lange Rede kurzer Sinn: Dem Entstehen von Patchwork- Familien oder Familien mit nur einem Elternteil geht in der Regel keine Harmonie voraus. Es sind Konflikte. -Und diese tragen sich oft Jahre dahin und beeinflussen natürlich auch heranwachsende Kinder.

    LG

    Michael Jank

  4. asteinhauser sagt:

    Es stimmt schon, dass der Neoliberalismus nicht monokausal ist, sondern ein Zusammenspiel von gesellschaftlichen Entwicklungen neoliberal auf die Spitze getrieben wurde.

    Auch stimme ich ihrer Analyse zu, dass manche linke PolitikerInnen Teil des neoliberalen Konsenses waren. In England hat Blair weitergeführt, was die Konservativen begonnen haben.

    Interssant finde ich auch was sie zu den Familen schreiben. Natürlich ist ein „intaktes“ familiäres Umfeld zentral. Das hat aber nichts mit der Frage abwesender Väter (wie von Cameron behauptet) und damit Alleinerzieher-Familien zu tun. Es geht darum, ob Kinder in einem Umfeld aufwachsen können, das ihnen Chancen und Perspektiven bietet, sowie Liebe vermittelt.

    MfG
    Albert Steinhauser

  5. Michael Jank sagt:

    Sehr geehrter Herr Steinhauser!

    …zu den Krawallen in England & Neoliberalismus noch ein paar Sätze:

    Die Diagnose, dass der Neoliberalismus mit Margaret Thatcher in der Gesellschaft viel zerstörte ist nachvollziehbar und richtig.

    Kürzlich lass ich einen deutschen Zeitungsartikel über diese Thematik, wonach mit der Zunahme der wirtschaftlichen Offensive in den 80er Jahren einerseits das Sozial- und Gesundheitswesen schwächte und andererseits (eben auch unter Thatcher) immer
    mehr Eltern gezwungen waren ihre Kinder an Kindergrippen so früh wie möglich abzugeben. Auch der Anteil alleinerziehender Mütter und unehelich geborene Kinder stieg zu diesem Zeitpunkt bemerklich an (durchaus denkbar, dass bei vielen der wirtschaftliche
    Druck, welcher oft keine Zeit mehr für die Familie lässt dazu geführt hat). Dabei zeigt jede internationale Statistik, dass vaterlos aufgewachsene Kinder viel öfter psychisch krank sind, viel häufiger in der Sozialhilfe und im Gefängnis landen. Sie haben niemanden,
    der ihnen ein Vorbild sein könnte, an dem sie sich reiben könnten, der sie „beschützt“ und gegebenenfalls auch bestraft und der darauf schaut, dass sie in die Schule (oder gar in die Kirche) gehen.

    Soweit man aus gewissen Zeitungen erfahren konnte, -hatten diese Unruhen danach auch ihre positiven Seiten:
    Vielerorts wurden Nachbarschaften wieder besser zusammengeschweißt, gerade als es darum gehen, gemeinsam Aufräumarbeiten zu leisten.

    David Cameron ist momentan einer der wenigsten Politiker, welche das Problem zumindest augenscheinlich erkannt haben dürfte:
    Nämlich eine Neuorientierung des Denkens: Anstelle des schwachsinnigen Gender Mainstreaming und Hoffieren bzw. Fördern von Randgruppen (Sie wissen was ich damit meine) will er in Richtung „Ehe- und Familien-Mainstreaming“ gehen. Ob was Vernünftiges rauskommt wird sich sehen lassen. Sie können sich aber sicher sein, dass er (Cameron) gestärkt aus dieser Krise hervorgehen wird.

    Bei uns im Land hat die Politik noch nicht aus diesen Unruhen gelernt. Weder in der Regierung, noch in der Opposition!!
    Stattdessen präsentiert unsere edle Frauenministerin ein Ehe-light- Modell mit dem sie glaubt Frauen helfen zu können.
    Das Gegenteil wird der Fall sein! Weder SPÖ, FPÖ, ÖVP, Grüne, BZÖ und schon gar nicht die FeministInnen haben erkannt das eben gerade diese so genannte Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Mütter zu einer Ausbeutung der Frau als wirtschaftliches Potential geführt hat. Genauso wie die umweltschädliche Anti-Babypille in sehr vielen Fällen die Frauen zu ständig „verfügbaren“ sexuellen Objekten gemacht hat.
    Auch das ist eine Ausbeute. Aber immerhin hat das mit Alice Schwarzer bereits eine berühmte Feministin erkannt.

    Beste Grüße
    Michael J. Jank

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