„Kleine Zeitung“ vom 13.02.2009                            Seite: 8 9

Ressort: REPORT

KURT WIMMER

Und plötzlich regierte der Hass

Februar 1934 – gehen uns die Ereignisse vor 75 Jahren in Österreich, auch in Kärnten, noch etwas an? Vielleicht schon. Denn der Drei-Tage-Bürgerkrieg war auch das Ergebnis einer Weltwirtschaftskrise.

KURT WIMMER

Jeder direkte Vergleich zwischen 1934 und 2009 wäre unsinnig. Aber eine Erinnerung als Warnung ist statthaft: Massenarbeitslosigkeit war eine der Folgen der Weltwirtschaftskrise. Auch in Österreich war es zu Zusammenbrüchen von Banken gekommen. Die Arbeiterschaft und der Mittelstand drifteten angesichts einer hilflosen Politik in den politischen Radikalismus und die Militarisierung der Politik fand ihren Ausdruck in Privatarmeen der Parteien: der Schutzbund bei den oppositionellen Sozialdemokraten, die Heimwehren bei den Christlich-Sozialen.

In ganz Europa triumphierte antidemokratisches Denken und in Österreich herrschten die Christdemokraten nach der Ausschaltung des Parlaments im Jahr 1933 autoritär.

Am Morgen des 12. Februar 1934 kam es im Linzer Hotel Schiff zwischen Angehörigen des Republikanischen Schutzbundes und Einheiten der Exekutive zu einer Schießerei. Die Polizei war ausgerückt, um nach Waffen zu suchen. Der „kalte Bürgerkrieg“ der Zwischenkriegszeit wurde damit zu einem heißen.

Parteisekretär der Sozialdemokraten in Linz und Schutzbundführer war Richard Bernaschek. Er hatte der Parteiführung in Wien einen Brief zukommen lassen, in dem er seinen Entschluss bekräftigte, im Fall einer Waffensuche Widerstand zu leisten. Damit handelte er gegen den Willen des Parteichefs Otto Bauer.

In Linz überstürzten sich die Ereignisse. Die Kämpfe breiteten sich im Stadtgebiet aus und griffen auch auf die Industriestadt Steyr, auf Attnang-Puchheim und das Salzkammergut über. Die Sozialdemokraten riefen den Generalstreik aus, der nur lückenhaft befolgt wurde. Am Nachmittag stimmt Kanzler Dollfuß dem Einsatz leichter Feldgeschütze des Bundesheeres zu, mit denen auch der Renommierbau der Wiener Sozialdemokratie, der Karl-Marx-Hof, beschossen wurde.

Der Historiker Helmut Konrad stellte in einer Untersuchung zur „Geographie der Februarkämp

fe“ fest, dass der „Aufstand der österreichischen Arbeiter“ (Otto Bauer) „keinesfalls ein geschlossener Kampf aller österreichischen Arbeiter, ja nicht einmal aller Mitglieder des Republikanischen Schutzbundes“ war. So wurde im Burgenland, in Salzburg, Tirol und Vorarlberg praktisch nicht gekämpft. In Kärnten gab es lediglich einen Aufstand am Villacher Hauptplatz und einige Inhaftierungen. Darunter so prominente Sozialdemokraten wie der Villacher Bürgermeister Biesch und sein Klagenfurter Pendant Franz Pichler, die gleichzeitig ihres Amtes enthoben wurden. Auch der Landbündler Ferdinand Kernmaier musste aus dem Amt des Landeshauptmanns weichen. Dollfuß‘ Begründung: Er wurde mit den Stimmen der Sozialdemokraten gewählt.

Wieder Hinrichtungen

In der Steiermark dagegen gab es blutige Gefechte vor allem in Bruck, Kapfenberg und Graz-Eggenberg. Schon am 12. Februar wurde das Standrecht ausgerufen. Zwei Tage später wurden in Wien die ersten Todesurteile gefällt und exekutiert. Die Opfer waren Georg Weissel und Karl Münichreiter. Der verwundete Münichreiter musste auf einer Bahre zum Galgen getragen werden. Diese gnadenlose Rache der Sieger gehört zu den schandvollsten Kapiteln des Bürgerkrieges.

Insgesamt wurden neun Kämpfer hingerichtet. Am 14. Februar brach der Widerstand zusammen. Am 19. Februar starb der Führer der obersteirischen Schutzbundes, Koloman Wallisch, am Galgen. Als er am 12. Februar von Graz zu seinen Arbeitern nach Bruck fuhr, ging er in einen Kampf, den er für wenig erfolgreich hielt. Zwei Tage nach seiner Hinrichtung, am 21. Februar, wurde das Standrecht aufgehoben.

Bereits am 12. Februar war die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) aufgelöst worden. Tags darauf flüchteten Otto Bauer und der gesamtösterreichische Schutzbund-Führer Julius Deutsch in die Tschechoslowakei. Richard Bernaschek wurde von Nationalsozialisten aus dem Gefängnis befreit. Er zeigte sich kurzfristig beeindruckt von der Beseitigung der Arbeitslosigkeit, dem Wirken der nazistischen Wohlfahrtsorganisationen und der Vorsorge für die Bauern. 1945 wurde er im Konzentrationslager Mauthausen umgebracht.

Diese zeitweilige „emotionale Nähe“ (Helmut Konrad) zwischen Sozialdemokraten und Nationalsozialisten lässt sich vor allem aus dem unbändigen Hass der Sozialdemokraten auf die „Schwarzen“ als „Henker der Februarkämpfer“ und Vernichter der Partei begreifen.

Es wäre an der Zeit

75 Jahre nach dem Bürgerkrieg wäre es an der Zeit, dass man sich auch in manchen Parteisekretariaten endlich zu einer Ansicht durchringen könnte, die der einstige österreichische kommunistische Parade-Intellektuelle Ernst Fischer 1973 in seinen Erinnerungen formuliert hat: „Die österreichische Tragödie, die am 12. Februar 1934 ihren ersten Höhepunkt erreichte, bestand darin, dass die Demokraten zu wenig österreichische Patrioten und die österreichischen Patrioten zu wenig Demokraten waren . . . Es bleibt ein Ruhm der österreichischen Arbeiter, dass sie bereit waren, für die Freiheit zu sterben, aber es wäre ein geschichtliches Missverständnis, die Österreicher, die auf der anderen Seite fochten, mit ein paar abenteuerlichen und verantwortungslosen Heimwehrführern zu identifizieren.“

ZITAT:

„Im Februar vierunddreißig, Der Menschlichkeit zum Hohn, Hängten sie den Kämpfer, Gegen Hunger und Fron, Koloman Wallisch, Zimmermannssohn“

Bertolt Brecht

über Koloman Wallisch

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