„Der Standard“ vom 08.08.2009                             Seite: 30

Ressort: KDA

LESER STIMMEN

Kindermann wehrt sich

Betrifft: „Wirklich Hitlers erstes Opfer?“ von Lucile Dreiedemy

der Standard , 27. 7. 2009

Frau Dreidemy unterstellt mir in og. Kommentar, mir genüge das bloße Faktum der Ermordung von Dollfuß, um aus ihm einen Widerstandskämpfer zu machen. Doch mein auch in ihrem Institut vorhandenes Buch („Österreich gegen Hitler“) – man müsste es nur aufschlagen – nennt andere Gründe: Denn im Mai 1933 gründet Dollfuß mit der Vaterländischen Front die erste und einzige Organisation, die militant für die Verteidigung österreichischer Eigenstaatlichkeit eintritt. Hitler erkennt, dies sei eine Absage an Österreichs großdeutsche Tendenzen und begründet damit den einjährigen Terror-Wirtschafts-und Propagandakrieg gegen Österreich.

Auf all diesen Ebenen tritt Hitler die Dollfuß-Regierung entgegen. Als erste Regierung Europas erlässt sie schon im Juni 1933 ein Totalverbot der Nazi-Partei. Während der ersten fünf Jahre des Dritten Reiches blieben die Juden Österreichs frei und vielfach prominent. Im Monat vor seinem Tod erklärte Dollfuß als einziger unter des Regierungschefs des damaligen Europa, der Nationalsozialismus sei ein kriminelles System auf der Basis einer kriminellen Ideologie. Historisch bedeutsam ist Dollfuß nicht als „Opfer“ sondern als Europas erster Gegner von Hitler. Die Berichte westlicher Gesandtschaften in Wien – man müsste sie nur lesen – zollten der Rolle von Dollfuß bei der Verteidigung Österreichs höchstes Lob. Ebenso die jüdische Presse in Wien. Umgekehrt erkennt ihn das NS-Schrifttum als primären Feind,

Die Times vom 30. 7. 1934 schreibt: „Herr Dollfuß wird als jener Kanzler Österreichs in Erinnerung bleiben, der & trotz gegnerischer Übermacht mit äußerster Tapferkeit gegen die Versuche des & Nazismus gekämpft hat, Österreich & dem Deutschen Reich einzuverleiben“. Darin, so der Observer , liege seine wahre Bedeutung für Österreich und Europa. Nur 17 Monate nach dem „Anschluss“ begann der Zweite Weltkrieg.

Prof. Dr. Dr. h. c. Gottfried-Karl Kindermann

Universität München

Einen Kommentar schreiben: