„Die Presse“ vom 30.07.2009                               Seite: 26

Dank vom Hause Österreich

Anmerkungen zur längst fälligen Würdigung von Engelbert Dollfuß.

von Gottfried-Karl Kindermann

Die Presse“ vom 25. Juli mit ihren Beiträgen von Dr. Walterskirchen und Hans Werner Scheidl verdient hohe Anerkennung für die längst fällige Würdigung der Rolle von Engelbert Dollfuß im Abwehrkampf gegen den Nationalsozialismus. Denn zwischen 1918 und 1933 betrachteten allzu viele Österreicher den Anschluss an Deutschland als einzige Lösung der Probleme ihres wirtschaftlich bitter verarmten und innerlich zerrissenen Landes. Die junge Republik hatte sich 1918 als Teil Deutschlands deklariert, doch ein entsprechender Anschlussvertrag zwischen Wien und Berlin war von den Alliierten verhindert worden. Konfrontiert mit der Monopolisierung der populären großdeutschen Idee durch die ab Jänner 1933 regierenden Nazis, gründete Dollfuß am 21. Mai 1933 mit der Vaterländischen Front die erste und einzige (!) große Organisation, die sich militant zur Verteidigung der österreichischen Eigenstaatlichkeit bekannte.

Basis für Widerstand gegen Nazis

Als Initiator dieser Idee schuf Dollfuß die geistige Basis des 5-jährigen österreichischen Staatswiderstandes gegen den Nationalsozialismus. Es war die bedeutendste Wende in der politischen Geistesgeschichte der Ersten Republik. Hitler hatte das blitzschnell begriffen und begründete schon fünf Tage später, am 26. Mai 1933, vor dem Reichskabinett die Entfesselung des Kampfes gegen Österreich damit, dass die neue Österreich-Idee den großdeutschen Gedanken in Österreich sonst verdrängen und zu einer „Verschweizerung Österreichs“ führen werde.

Zugleich sagte Hitler, er werde Österreich noch 1933 in seine Gewalt bekommen. Das wiederum verstand Dollfuß sehr gut. Deshalb benützte er die Selbstausschaltung des Parlaments, um ohne Parlament und Wahlen weiterzuregieren. Den Zustand zuvor beschrieb der sozialistische Publizist Otto Leichter als „einen abstoßend hässlichen und entwürdigenden Kleinkampf um jede einzelne Stimme . . . ein widerliches Spiel, das den ohnedies bedrohten Parlamentarismus noch weiter kompromittieren musste“. Als die Dollfuß-Regierung im Juni 1933 ein Totalverbot der NSDAP erließ, hatte Hitler die Chance verloren, in Österreich mit gleichen Methoden wie in Deutschland zur Macht zu gelangen.

Niederlage für Hitler

Als Folge entfesselte er den sogenannten NS-„Generalangriff auf Österreich“. Dieser bestand aus landesweitem Bomberterror, einem pausenlosen Propagandakrieg und einem Wirtschaftskrieg mit deutschem Tourismusboykott. Den Höhepunkt dieses „Generalangriffs“ aber bildete der bewaffnete Aufstand der SS und SA in Wien sowie in mehreren Bundesländern. Bei diesem hatten die Nazis fest mit der Unterstützung durch Bevölkerung und Bundesheer gerechnet. Doch nirgends gab es eine „Volkserhebung“, und das Bundesheer, unterstützt von 50.000 Mann diverser Wehrverbände, blieb fahnentreu. Die Hitler-Regierung gestand sich intern ein: „eine glatte Niederlage für Reich und Partei“, für Hitler die einzige außenpolitische Niederlage vor 1943.

Österreich aber war bis 1938 Europas wichtigste deutschsprachige Stimme der Kritik am Nationalsozialismus. Noch im Monat vor seinem Tod brandmarkte Dollfuß den Nationalsozialismus als „Verbrechertum“ auf der Basis einer verbrecherischen Ideologie. Die Juden blieben in Österreich in den ersten fünf Jahren des Dritten Reiches frei und gesetzlich geschützt. Zum Dollfußmord kommentierte das Wiener „Jüdische Familienblatt“: „Der Kanzler hat uns zum Vaterland geformt. Dem neuen Österreich hat er mit seinem Leben und mit seinem Sterben den Helden geschenkt, in dessen Bild die Vaterlandsliebe ihr unauslöschliches Beispiel gefunden hat.“

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