„Wiener Zeitung“ Nr. 31 vom 14.02.2009                      Seite: E2

Ressort: tangenten

Von Susanne Breuss

Die Zerstörung einer Utopie

schwarz & weiß

Auch wenn das Familienalbum seit alters her im Allgemeinen dazu dient, die schönen Momente des privaten Lebens zu bewahren, hinterlässt die „große Politik“ dennoch immer wieder ihre Spuren darin. Häufig wohl eher indirekt, doch manchmal auch sehr unmittelbar – wie im Fall der hier abgebildeten Aufnahme vom März 1934, die den in den Februarkämpfen jenes Jahres beschossenen „Goethehof“ in Wien-Donaustadt zeigt (denn dieser transdanubische Bezirk gehörte damals zur Leopodstadt, zum 2. Wiener Gemeindebezirk).

Solch Dokumente politischer Gewalt inmitten typischer Familiensujets muten auf den ersten Blick befremdend an, soll doch nichts die Harmonie der persönlichen Erinnerungsfotos stören. In Anbetracht der Bedeutung, die dem bewaffneten Bürgerkrieg von Februar 1934 im kollektiven Gedächtnis der Wiener zukommt, erscheinen jedoch gerade Aufnahmen wie etwa jene von zerstörten Gemeindebauten keineswegs als „Fremdkörper“ im visuellen Familiengedächtnis.

Die Niederschlagung der Sozialdemokratie durch das austrofaschistische Regime versinnbildlichte sich in den durch Artilleriebeschuss beschädigten baulichen Manifestationen des „Roten Wien“ auf besonders eindringliche Weise. Die Gemeindebauten waren nicht nur weltweit beachtete Symbole der sozialdemokratischen Wohnbaupolitik, sondern auch reale Orte eines reformierten Alltagslebens.

Der politische Gegner empfand es daher als besondere Genugtuung, die verhassten „roten Festungen“ in Trümmern liegen zu sehen. So veranlasste die Regierung Dollfuß nach den Februarkämpfen etwa die Herausgabe einer Postkartenserie mit Ansichten zerschossener Wiener Gemeindebauten. Offensichtlich fanden solche Ansichtskarten jedoch weniger Eingang in die privaten Fotosammlungen von Angehörigen der Polizei, des Bundesheeres oder der Heimwehr, als vielmehr in jene der Opfer und Verlierer. Für diese dokumentierten diese Bilder nicht nur die Zerschlagung des politischen Widerstands, sondern auch das Ende einer großen Hoffnung, die sich auf weit mehr als nur politische Programme bezog: Die Gemeindebauten standen für ein Stück gelebte Utopie, und die Zerstörung dieses unmittelbaren Lebensumfeldes war zugleich eine massive Bedrohung der persönlichen Identität.

In den Jahren 1928 bis 1930 erbaut, zählte der zwischen Kaiserwasser und Schüttaustraße gelegene „Goethehof“ zu den imposanten Vorzeige-Wohnhaus anlagen des „Roten Wien“ – und war deshalb im Februar 1934 besonders hart umkämpft. Das „Café Goethehof“ wurde im Zuge der Kampfhandlungen vollkommen zerstört, ebenso die darüber liegenden Wohnungen.

Die Zeitung „Germania“ berichtete: „Vielleicht an keinem anderen Ort sieht man die Schrec ken des Bürgerkrieges deutli cher als hier. Die Bewohner irren verschreckt umher und sehen verstört auf das Trümmerfeld, das ehedem ihre Wohnung war.“

Die Vermutung liegt nahe, dass es sich bei den ursprünglichen Besitzern dieses anonymen Fotos um Bewohner des „Goethehofes“ gehandelt hat. Und möglicherweise befand sich ihre Wohnung im Bereich des fotografierten Gebäudeabschnitts.

Susanne Breuss, geboren 1963, ist Kulturwissenschafterin und Kuratorin im Wien Museum.

Ein Kommentar bis jetzt.

  1. Summer sagt:

    There are no words to diescrbe how bodacious this is.

Einen Kommentar schreiben: