„Oberösterreichische Nachrichten“ vom 30.01.2009             Seite: 5

Ressort: Politik Oberösterreich

„1934 ist genauso bedeutend wie 1938“

Interview

„Das Bürgerkriegs-Jahr 1934 war mehr als eine Fußnote unserer Geschichte“, sagt Walter Schuster, Direktor des Archivs der Stadt Linz, das zu diesem Thema eine große Ausstellung im Linzer Wissens-turm gestaltet hat.

Von Wolfgang Braun

OÖN: Wenn man die Geschichtswissenschaft betrachtet, wirkt das Jahr 1934 immer noch wie eine vergessene Phase. Wieso?

Schuster: Natürlich hat in der Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts die wichtige Aufarbeitung des Nationalsozialismus eine dominierende Rolle gespielt. In den 70er- und 80er Jahren haben die Großparteien zwar gemeinsam die Forschung rund um die Ereignisse um 1934 gefördert, mit guten Ergebnissen. Aber dann hat die Phase einer notwendigen und intensiven Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus eingesetzt. Zäsur war die Diskussion um die Kriegsvergangenheit von Ex-Bundespräsident Kurt Waldheim. Die Geschichte der Zwischenkriegszeit ist dadurch in den Hintergrund gedrängt worden.

OÖN: Welchen Stellenwert hat 1934 in Österreichs Geschichte?

Schuster: Wenn man sich die Ausstellung im Parlament zur Geschichte der Republik ansieht, könnte man meinen, das Bürgerkriegsjahr 1934 sei nur eine Fußnote gewesen. Aber 1934 war genauso bedeutend wie das Anschluss-Jahr 1938. Denn die Nationalsozialisten haben 1938 kein demokratisches System gestürzt, sondern einen autoritären Ständestaat.

OÖN: Haben Sie das Gefühl, dass das Jahr 1934 heute noch zwischen den Großparteien steht?

Schuster: Schwer zu sagen, weil eine öffentliche Diskussion über 1934 weitgehend fehlt. Ich denke, eine gemeinsame Sichtweise wäre schon notwendig: Darüber, was Demokratie bedeutet und darüber, wie ein demokratisches System diskreditiert werden kann. Das lehrt 1934.

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