“Oberösterreichische Nachrichten” vom 07.02.2009 Seite: W1 W2
Ressort: Magazin
“Wir haben Krieg”
Sie haben die Kämpfe am 12. Februar 1934 als Kinder erlebt: Leopoldine Feichtinger und Max Lotteraner gehören zur letzten Generation, die ihren Enkeln über diesen Tag erzählen kann.
Von Anna Weidenholzer
Weißt du”, sagt Leopoldine Feichtinger nach einem Satz, und immer wieder hängt sie diese Phrase an. Als würde sie sich vergewissern, dass kein Wort verloren geht. Leopoldine Feichtinger erzählt von den 1930er-Jahren, von ihrer Jugend, dem Versuch, Arbeit zu finden. Sie erzählt, was in zig Büchern festgehalten wurde. Sie erzählt, was sie mit ihren eigenen Augen gesehen hat.
“Dirndl, was machst denn du da auf der Straße”, hat ein Mann damals zu ihr gesagt. Es war ein kalter Wintertag, und die 13-jährige Poldi war mit einem Schubkarren unterwegs zum Großhändler in Urfahr, um dort Waren für die Gemischtwarenhandlung ihrer Tante zu holen. “Was denn?”, antwortete das Mädchen. “Wir haben Krieg”, sagte der Mann.
Es war das erste Mal, dass Leopoldine Feichtinger von diesem Krieg hörte. Es war Montagmorgen, der 12. Februar 1934. Der Republikanische Schutzbund und die Heimwehr kämpften gegeneinander. Leopoldine Feichtinger ist währenddessen mit ihrem Schubkarren durch die Straßen gegangen.
Menschen hat sie dabei kaum getroffen. “Warum, was für ein Krieg – warum haben wir Krieg?”, hat sie sich gefragt. Während Leopoldine Feichtinger von ihren Erlebnissen spricht, macht die heute 88-Jährige kaum Pausen. Sie spricht schnell.
Hin und wieder hört die 13-Jährige Schüsse. “Da hab’ ich schon ein schlechtes Gefühl gehabt. Ich habe mir gedacht, die Steger Sozialdemokraten aus Urfahr schießen über die Donau. Die habe ich ja gekannt. Das waren auch Arbeiterkinder.”
“Was machst du da?”
Sie geht weiter zum Großhändler. “Dirndl, was machst denn du da?”, sagen sie dort zu ihr. Poldi tritt trotzdem den Heimweg nach Dornach an. Eine gute Dreiviertelstunde ist sie unterwegs. “Was soll ich denn machen? Da bleiben kann ich ja auch nicht”, hatte sie beim Großhändler gesagt. Sie wusste, dass auf der Eisenbahnbrücke ein toter Soldat lag.
Leopoldine Feichtingers Vater war kein Februarkämpfer. Er war Sozialdemokrat, ist dem Schutzbund aber nicht beigetreten. “Meine Mutter wollte das nicht. Sie hatte Angst, dass er eingesperrt wird. Dass sie dann alleine dasteht mit den Kindern. Da gab es ja schon die Drohungen.”
Max Lotteraner hat mitgekämpft. Sein Sohn, der den selben Vornamen wie sein Vater trägt, kann sich an die Ereignisse des 12. Februar noch gut erinnern, obwohl er erst sechs Jahre alt war.
“Eine Woche lang nach dem 12. Februar sind jeden Tag Kriminalpolizisten und Hahnenschwänzler – so haben wir die Leute von der Heimwehr genannt – gekommen und haben bei uns zu Hause nach Waffen gesucht.
Alles haben sie aus den Kästen geschmissen, und meine Mutter hat es wieder einräumen müssen”, erzählt der heute 81-Jährige. Sein Vater war zu dieser Zeit bereits in Haft. Er hatte auf der Seite des Schutzbundes am 12. Februar gekämpft.
Kindheitserinnerung an Februarkämpfe Fortsetzung von Seite 1
Max Lotteraner hat zahlreiche Bücher und Broschüren über den Februar ’34 vor sich liegen, während er von diesem Tag erzählt. Er hebt seine Stimme, als er sagt: “Am 12. Februar haben sich zum ersten Mal die Arbeiter gegen den Faschismus und die Beseitigung der Demokratie gewehrt.” Jener Tag, an dessen Vorabend Max Lotteraner seinen Vater in Linz zur Schutzbund-Versammlung gehen sah. Der Tag, den er mit den Augen eines Sechsjährigen erlebte. Nach dem sein Vater lange nicht aus dem Gefängnis nach Hause kam.
Max Lotteraners Vater war ein bekannter Schutzbündler. Sein Onkel Franz Schlagin war im Hotel Schiff – dem Ausgangspunkt der Februarkämpfe – und konnte mit dem Schutzbundführer Richard Bernaschek nach Deutschland flüchten. Lotteraners Vater blieb vier Jahre im Gefängnis, die Familie hatte als Ausgesteuerte kaum etwas zum Leben. Über den Februar ’34 und die Geschehnisse hat Max Lotteraner später nur wenig gesprochen: “Mein Vater war ein Schweiger. Trotzdem hatte ich zwei hervorragende Eltern.”
Wiederholte Erinnerung
Dem Februar 1934 sind Max Lotteraner und Leopoldine Feichtinger in ihrem Leben immer wieder begegnet. “Bei den Jubiläen wird man öfter darauf angesprochen. Zum fünfzigjährigen und jetzt auch wieder”, sagt Lotteraner. Und: “Wahrscheinlich war es im 1934er-Jahr schon zu spät. Das haben viele Freunde von meinem Vater gesagt. Da war schon zu viel passiert.”
75 Jahre später, am 12. Februar 2009, wird Leopoldine Feichtinger nachmittags in einen Bus steigen und sich bei einer historischen Stadtrundfahrt die Schauplätze des Februar ’34 ansehen.
Am Abend wird sie zur Gedenkveranstaltung in der Landstraße 36, dem ehemaligen Hotel Schiff, gehen. Seit gut zwanzig Jahren ist die 88-Jährige Mitglied beim Bund Sozialdemokratischer Freiheitskämpfer. Sie hat zahlreiche Gedenkveranstaltungen besucht, ist zu Gedenkstätten gefahren. Eine Woche vor dem 75-Jahre-Jubiläum sitzt sie im Wohnzimmer und führt ihren Finger über die Zeilen in der Broschüre über die Veranstaltungen zum Februar ’34.
Darunter liegt ein Buch. Es ist rot und trägt den Titel “Nacht die nicht enden will”. Es ist die Biografie Fritz Inkrets, des letzten noch lebenden sozialdemokratischen Freiheitskämpfers. “Ja, der Fritz”, sagt Leopoldine Feichtinger auf ihn angesprochen. Auch er hätte an dieser Stelle von seinen Erlebnissen berichten sollen. Er musste ins Krankenhaus.
Leopoldine Feichtinger unterbricht nur selten ihren Redefluss. Die ganze Zeit über hat sie Fritz Inkrets Biografie vor sich liegen, streicht mit ihren Händen darüber, während sie aus ihrer Jugend erzählt. Einmal unterbricht sie. Sie blickt eine Zeitlang auf Inkrets Biografie und sagt: “Du bist ja noch jung, du hast so viel Zeit zum Lesen – lies das alles, diese Menschen.” Ob sie Angst habe, dass die Erinnerung an den 12. Februar verloren gehen wird? “Ja, leider.”
“Oberösterreichische Nachrichten” vom 07.02.2009 Seite: W3
Ressort: Magazin
“Demokratiepolitischer Super-GAU”
Die Auseinandersetzungen in der Ersten Republik endeten im Februar 1934 mit Waffengewalt in einer vormodernen Diktatur. Wie es dazu kam, erklären Josef Weidenholzer und Brigitte Kepplinger von der Universität Linz im OÖN-Interview.
Von Lukas Luger
OÖN: Sie schreiben in Ihrem Buch “Februar 1934 in Oberösterreich”, der 12. Februar 1934 sei endgültig in der “Abstellkammer des politischen wie historischen Diskurses” gelandet. Lohnt es sich überhaupt, 75 Jahre später, diesen Abschnitt der Vergangenheit zu thematisieren?
Weidenholzer: Auf jeden Fall. Nicht immer ist es gut, wenn etwas im stillen Kämmerlein verschwindet. Im Falle des Februars 1934 lohnt es sich speziell, ganz besonders genau hinzuschauen.
OÖN: Warum?
Weidenholzer: Was in den Jahren 1933 und 1934 passiert ist, war der größtmögliche demokratiepolitische Super-GAU. Sämtliche demokratischen Institutionen des Staates kollabierten.
Kepplinger: Wie konnte eine Verfassung, auf der unsere heutige Verfassung ja zu einem Großteil basiert, plötzlich nicht mehr funktionieren? Das ist die entscheidende Frage.
OÖN: Der Bürgerkrieg war der Höhepunkt verschiedener politischer und sozialer Konflikte in der Ersten Republik. Welche Faktoren führten ab Ende der 1920er-Jahre zur Beseitigung des demokratischen Systems in Österreich?
Kepplinger: Parlamentarische Kräfte und Verfechter von antidemokratischen Konzepten standen sich in der Ersten Republik gegenüber. Letztere wollten die Konflikte des Parteienstaates überwinden – sei es nun in Richtung Ständestaat, in Richtung Monarchie oder in Richtung des nationalsozialistischen Führerstaates. Der endgültige Todesstoß für den Parlamentarismus in Österreich war schließlich die Verschränkung von ökonomischer und politischer Krise im Zuge der Weltwirtschaftskrise.
Weidenholzer: Die Sozialdemokraten waren in dieser Zeit in Österreich die einzige demokratische Partei. Und selbst diese schielte mit einem Auge auf ihre Vision von einer sozialistischen Gesellschaftsordnung. Die Februarkämpfe 1934 waren der Endpunkt einer langen Entwicklung und gleichzeitig der Anfang einer neuen Epoche.
OÖN: Inwiefern unterschied sich die damalige politische Situation in Linz beziehungsweise in Oberösterreich mit ihrem konsensorientierten “oberösterreichischen Klima” von jener im Bund?
Weidenholzer: Die politischen Lager in Oberösterreich und Linz waren nicht so unheilbar zerstritten. Ein Beispiel: Die oberösterreichischen Christlichsozialen wurden im Volksmund als “Geselchte” bezeichnet – außen schwarz und innen rot. Ein treffender gastronomischer Vergleich. Denn die hiesigen christlich-sozialen Politiker standen – trotz großer Unterschiede zum sozialdemokratischen Lager – immer auf dem Boden der parlamentarischen Demokratie.
Kepplinger: Trotzdem fuhr man auch in Oberösterreich keinen politischen Kuschelkurs. Man hat sich nichts geschenkt. Aber eines war für die Politiker bei uns, egal aus welcher Partei, auf jeden Fall klar: Alle politischen Auseinandersetzungen müssen im Rahmen der Verfassung ausgetragen werden.
OÖN: Welche Rolle spielte die katholische Kirche in dieser turbulenten Zeit?
Kepplinger: Die katholische Kirche war ihrem damaligen Selbstverständnis nach berechtigt, aktiv in das politische Tagesgeschehen einzugreifen. In den Christlichsozialen sah man einen Bündnispartner. Die Kirche war sicherlich eine Verfechterin der Idee des Umbaus des politischen Systems in unserem Land. Weg vom Parlamentarismus hin zu einem katholischen “Ständestaat”, einer “wahren” Demokratie, wie der Priesterpolitiker und Bundeskanzler Ignaz Seipel das formuliert hat.
OÖN: Warum herrscht über die Bewertung dieser Phase der Geschichte der Republik Österreich bis heute kein politischer Konsens?
Weidenholzer: Jedes politische Lager hat seine eigene Geschichte, seine eigenen Mythen entwickelt. Die Sozialdemokraten sehen in den Kämpfen von 1934 in erster Linie eine Auflehnung gegen ein totalitäres System; die Volkspartei streicht die Verteidigung der staatlichen Eigenständigkeit Österreichs gegenüber Hitler-Deutschland durch den “Ständestaat” hervor.
Kepplinger: Aus Staatsraison, und um keine alten Wunden aufzureißen, hat man nach 1945 nie wirklich versucht, einen lagerübergreifenden Konsens zu schaffen. Wichtig ist: Die Februarkämpfe 1934 waren der Höhepunkt einer Entwicklung, in deren Folge eine Demokratie unterging, die mit den gleichen Bausteinen gebaut ist wie die heutige Demokratie der Zweiten Republik.
Weidenholzer: Studiert man die Ereignisse in der Zeit 1933 bis 1934, so erfährt man vieles über die Mechanismen, mit denen eine Demokratie ausgeschaltet werden kann. Das kann helfen, demokratiefeindliche Tendenzen zu erkennen.
OÖN: Kann man Lehren aus dem “Februar 1934″ ziehen?
Weidenholzer: Die Geschichte ist ein Schatz, von dem die Gesellschaft lernen kann. Demokratie ist Kompromiss. Es gibt keine Alternative, auch wenn der Parteienzank als unangenehm empfunden wird.
Kepplinger: Wir stehen ähnlich wie vor 80 Jahren an der Schwelle einer wirtschaftlichen Krise. Es wird zu beobachten sein, wie die politischen Akteure in so einer Situation mit Demokratie und Rechtsstaat umgehen.
“Oberösterreichische Nachrichten” vom 07.02.2009 Seite: W4 W5
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Wir Oberösterreicher Im Schatten des Bürgerkriegs
Kein Ereignis spaltet die öffentliche Meinung und die der Historiker bis heute mehr als der Bürgerkrieg vom 12. bis 15. Februar 1934, der in ganz Österreich etwa 300 Todesopfer forderte. Die Kämpfe wurden auf beiden Seiten mit großer Erbitterung geführt.
Von Roman Sandgruber
Dem offenen Kampf vorausgegangen war die schrittweise Auflösung der Demokratie und Zunahme der Gewaltbereitschaft in Österreich. In der im Herbst 1929 mit voller Wucht hereingebrochenen Wirtschaftskrise verschärften sich die sozialen und politischen Gegensätze.
Militante gab es auf allen Seiten, in der Heimwehr und bei den Christlichsozialen, bei den Sozialdemokraten und im Schutzbund, vor allem aber bei den Nationalsozialisten. Mit diktatorischen Modellen war in allen Lagern kokettiert und argumentiert worden. Die Christlichsozialen vermeinten, damit eine Stabilisierung des Landes zu erreichen, die Sozialdemokraten hatten sie als Ausweg in ihren Parteiprogrammen, die Heimwehr hatte sich im Korneuburger Eid darauf eingeschworen, und die Nationalsozialisten betrachteten den Weg in das Parlament als Umweg, um die Demokratie zu zerstören.
Der Versuch zur Bildung einer großen Koalition mit den Sozialdemokraten, wozu Ignaz Seipel im Juni 1931 vom Bundespräsidenten beauftragt worden war, schlug fehl. 1932 wurde Engelbert Dollfuß, der nie Parlamentarier war, Bundeskanzler und Außenminister. Am 4. März 1933 wurde das Parlament durch einen Formalakt ausgeschaltet und der Sozialdemokratie immer mehr die wirtschaftliche und politische Basis entzogen.
Dass der Bürgerkrieg ausgerechnet in Oberösterreich ausgelöst wurde, ist überraschend, war es doch jenes Bundesland, das bis 1934 am ehesten von einem Weg des Konsenses und der Kooperation gekennzeichnet gewesen war. 1927 waren innerhalb eines halben Jahres die beiden großen, auf Ausgleich bedachten Landespolitiker gestorben: der christlichsoziale Landeshauptmann Prälat Johann Nepomuk Hauser und der sozialdemokratische Linzer Bürgermeister Josef Dametz. Auch Hausers Nachfolger Dr. Josef Schlegel war ein entschiedener Vertreter der Demokratie. Noch am 30. November 1933 war das Landesbudget für 1934 von allen Parteien einstimmig beschlossen worden.
Starke Polarisierung
Am 14. Dezember 1933 trat der Landtag zum letzten Mal in der demokratisch gewählten Zusammensetzung zusammen. Doch die Polarisierung der politischen Lager war nicht aufzuhalten. Das Vorgehen der Heimwehr und der von Wien aus gelenkten Polizei gegen Institutionen der Sozialdemokratie wurde immer schärfer.
Richard Bernaschek, der Führer des Republikanischen Schutzbundes in Oberösterreich und stellvertretende Landesparteisekretär, wollte dies nicht weiter hinnehmen. Ohne Wissen des Landesparteivorstandes, wohl aber nach brieflicher Verständigung der Wiener Parteiführung, gab er am 11. Feber den Beschluss zum gewaltsamen Widerstand im Falle einer Waffensuche oder Verhaftung von Vertrauensleuten der Partei oder des Schutzbundes aus.
Die Wiener Parteiführung war entsetzt und befahl, den Einsatzplan aufzuschieben. Der entsprechende Telefonspruch wurde abgehört. Als am nächsten Morgen eine Hausdurchsuchung der Polizei in der sozialdemokratischen Parteizentrale im Hotel Schiff angesetzt war, begann der Kampf. Bernaschek wurde mit einem Großteil der Führungsgarnitur verhaftet. Ein MG-Schütze des Schutzbundes eröffnete das Feuer.
8000 gegen 14.000
Der Kampf des Schutzbundes war von vornherein aussichtslos. Der Schutzbund überschätzte seine Schlagkraft und rechnete vor allem nicht mit dem Eingreifen des Heeres. Etwa 6000 bis 8000 Schutzbündlern und Sympathisanten, von denen sich nur ein kleiner Teil aktiv am Kampf beteiligte, standen in Oberösterreich etwa 14.000 Mann aus Bundesheer, Polizei, Gendarmerie und Heimwehr gegenüber.
Die Linzer Hauptschauplätze waren neben dem Hotel Schiff das Parkbad, die Eisenbahnbrücke, der Jägermayrhof, die Spatenbrotwerke, der Städtische Wirtschaftshof, die Feuerwehrschule, die Polizeikaserne am Kaplanhof, das Gaswerk, das Südbahnhofgelände und die Diesterwegschule. Neben Linz waren Steyr und das Hausruck-Kohlenrevier die Zentren des Aufstands. Kaum gekämpft wurde im Salzkammergut, wo man eher mit großem Widerstand gerechnet hatte. Überhaupt nicht gekämpft wurde im Mühlviertel und in Wels.
Der Großteil der Kämpfe war an einem Tag vorbei. Die Zahl der Todesopfer variiert je nach Zählung: In Oberösterreich gab es 60 Tote, davon aufseiten des Schutzbundes 34 (inklusive der zwei standrechtlich hingerichteten und der vier in Holzleithen ohne Urteil erschossenen Personen). 26 Todesopfer gab es bei Bundesheer, Polizei, Gendarmerie und Heimwehr. Zirka 200 Personen wurden verwundet.
Auf beiden Seiten passierten schreckliche Übergriffe. In Holzleithen die wilde, quasi standrechtliche Erschießung von vier Schutzbundangehörigen auf der Theaterbühne des Arbeiterheims durch Heimwehrangehörige, in Steyr die Erschießung des Direktors der Steyr-Werke Dr. Herbst im fahrenden Auto und der wohl privat motivierte Mord an Johann Zehetner und Josefine Nagels-eder, für den Josef Ahrer in einem recht willkürlich geführten Standrechtsverfahren zum Tode verurteilt wurde. Auch der Tod der drei Bundesheerangehörigen auf dem Polygon- bzw. heute Bulgariplatz in Linz hat wenig mit Kampfhandlungen gemein.
In den Standgerichtsverfahren wurden vier Todesurteile verhängt, von denen zwei, an dem Linzer Anton Bulgari und dem Steyrer Josef Ahrer, auch vollstreckt wurden. Ein trauriges Kapitel sind die Begründungen, mit denen Justizminister Kurt Schuschnigg eine Begnadigung verweigerte, nämlich die Notwendigkeit, ein Exempel zu statuieren, obwohl sie nicht zweifelsfrei als Haupttäter überführt waren.
Die Linzer Führer Richard Bernaschek, Ferdinand Hüttner und Arthur Bonyhadi, ebenso Josef Höller und Ferdinand Fageth, die Bergarbeiterführer des Hausruckreviers, wurden zu Haftstrafen verurteilt.
Von den Nazis aus dem Gefängnis befreit, fand Bernaschek im nationalsozialistischen Deutschland Zuflucht, wo er sich zu einem unklugen Lob für die Beschäftigungspolitik des NS-Staates und eine Entschuldigung für das nationalsozialistische Vorgehen gegen die Juden und die Kirchen hinreißen ließ. Noch vor dem NS-Juliputsch 1934 reiste Bernaschek nach Moskau. Er spekulierte auf ein Zusammengehen von Nationalsozialisten, Sozialdemokraten und Kommunisten zu einer “Überpartei”, die die Macht in Österreich übernehmen könnte.
Gleißner statt Schlegel
Die Niederlage der Sozialdemokratie war der Startschuss, auch in Oberösterreich die autoritäre Verfassung voll durchzusetzen. Am 17. Februar wurde Landeshauptmann Schlegel von Starhemberg und Dollfuß zum Rücktritt gezwungen. Dollfuß und sein Ständestaat sind gescheitert. Die Diktatur war ein Irrweg. Daran ändert nichts, dass die Regierungen Dollfuß und Schuschnigg einen verzweifelten Kampf gegen den Nationalsozialismus führten. Denn gleichzeitig trieben sie viele Sozialdemokraten und Großdeutsche den Nationalsozialisten in die Arme.