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15.07.10 | 0 Kommentare

“Wer braucht denn das?” Kronen Zeitung

“Kronen Zeitung” vom 21.02.2010                            Seite: 6

Ressort: diverses

Wer braucht denn das?

Freiheitskämpfer rehabilitieren! Die Dollfuß-Ära muss aufgearbeitet werden. Faymann sieht das nicht so.” So weit der Titel eines jüngst in der “Presse” erschienenen Artikels aus der Feder des Grünen-Justizsprechers im Parlament, Albert Steinhauser. Im Beitrag heißt es, der Widerstand gegen Dollfuß und seine autoritäre Politik gehören bei der SPÖ zu den parteigeschichtlichen Kronjuwelen. Steinhauser stört es, dass der Bundeskanzler offenbar derzeit eine “Rehabilitierung der Opfer des Austrofaschismus” nicht ins Auge fasst. Dieser Sache hat sich auch eine Gruppe von Wissenschaftern rund um den Historiker Oliver Rathkolb und Sozialwissenschafter Emmerich Tálos angenommen. Während im Vorjahr die Opfer der NS-Militärjustiz rehabilitiert wurden, sind die von der Regierung Dollfuß verhängten politisch motivierten Todesurteile und Haftstrafen noch nie aufgehoben worden. Den Urteilen der NS-Militärjustiz jene der Dollfuß-Ära gegenüberzustellen, ist sicherlich ein hinkender Vergleich.

Der Kanzler hat recht, wenn er der Grünen-Forderung nach einer sogenannten Aufarbeitung der Geschehnisse der Jahre 1934 bis 1938 nicht oder nur sehr zögerlich nachkommt. Faymann ist offenbar bewusst, dass immer wieder gerade von links-grüner Seite der Versuch unternommen wird, politische Ereignisse, vor allem aber die Irrtümer der Vergangenheit für die innenpolitische Agitation der Gegenwart heranzuziehen und zu instrumentalisieren. Daher sollte man bei der Forderung nach “Rehabilitation der Dollfußopfer” Vorsicht walten lassen. Wäre es nicht viel klüger und konstruktiver zu versuchen, die Probleme der Gegenwart und der Zukunft erfolgreich zu bewältigen, statt ständig in der Vergangenheit herumzustochern und sich die Fehlleistungen, die vor 76 Jahren in allen politischen Lagern begangen wurden, heute gegenseitig vorzuhalten.

Die Periode von 1934 bis 1938 war nicht die Zeit der Demokraten! “Demokratie, das ist nicht viel – Sozialismus ist das Ziel”, skandierten die Sozialisten, die Nationalsozialisten wollten den Anschluss an Deutschland, sehnten sich nach Adolf Hitler, während die Konservativen den Ständestaat idealisierten!

Niemand braucht eine sogenannte “Aufarbeitung”, wenn diese nichts anderes darstellt, als Jahrzehnte nach den Geschehnissen mit hoch erhobenem Zeigefinger klüger sein zu wollen als die Akteure ihrer Zeit. Der heutigen Politik sollte genügen, dass sich die Anhänger des Ständestaates und seine Gegner nach ihrer Heimkehr aus dem Krieg oder den Konzentrationslagern die Hand zur Versöhnung reichten. Ohne diese Einsicht wären die Aufbauleistungen der Nachkriegszeit gar nicht möglich gewesen. Es wäre auch angemessen und fair, dem ermordeten Kanzler Engelbert Dollfuß endlich die ewige Ruhe zu gönnen. Dollfuß hat an Österreich geglaubt und dafür mit dem Leben bezahlt!

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“Dollfuß-Opfer: Konsens” Die Presse

“Die Presse” vom 18.02.2010                                Seite: 3

Ressort: Inland

inkürze

Dollfuß-Opfer: Konsens

Im Justizausschuss des Parlaments einigte man sich gestern darauf, eine Forschungsgruppe einzusetzen, die die politischen Justizurteile der Ära Dollfuß untersucht. Auf diese Arbeit aufbauend soll dann ein Rehabilitierungsgesetz für die Opfer des Austrofaschismus ausgearbeitet werden. “Die ÖVP hat sich bewegt und redlich bemüht”, sagte der Grüne Albert Steinhauser, der den entsprechenden Antrag eingebracht hatte.

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“Dollfuß-Opfer: Prammer soll Initiative starten” Der Standard

“Der Standard” vom 17.02.2010                              Seite: 7

Ressort: Innenpolitik

Dollfuß-Opfer: Prammer soll Initiative starten

Wien – Die Grünen haben im Vorfeld des Justizausschusses, der heute, Mittwoch, tagt, in Sachen Rehabilitierung der Opfer des Austrofaschismus einen Appell an die Nationalratspräsidenten Barbara Prammer (SPÖ) und Fritz Neugebauer (ÖVP) gerichtet. Die beiden mögen Historiker und Parteien an einen Tisch bringen, um dort die Grundlagen für die Rehabilitierung zu schaffen, sagte Grünen-Justizsprecher Albert Steinhauser am Dienstag.

Ähnlich wie bei der Rehabilitierung der Wehrmachtsdeserteure schlägt Steinhauser vor, ein Forschungsprojekt zu initiieren. Dabei sollen die Justizakten aus den Jahren 1933 bis 1938 aufgearbeitet werden, um so die Grundlagen für die Einzelfallprüfungen zu schaffen – über die sich SPÖ und ÖVP bereits verständigt haben.

Für Ärger sorgt, dass die Regierung die Zusage einer Finanzhilfe zur Restaurierung der Gedenkstätte im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz verzögert. Parteikollege Harald Walser fordert nun mittels parlamentarischer Anfragen an das Außenamt und das Kanzleramt Aufklärung. “Ich will wissen, was Österreich zu tun gedenkt? Welche Summe angedacht ist? Und bis wann die Entscheidung fällt?”, so Walser. Kanzler Werner Faymann laufe Gefahr, sich “zur Avantgarde des Rückschritts” zu entwickeln. (APA, pm) Kommentar der anderen S. 38

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“Dollfuß-Opfer sollen mit Einzelfall-Prüfung rehabilitiert werden” Die Presse

“Kurier” vom 18.02.2010                                    Seite: 2

Ressort: Innenpolitik

- Philipp Hacker

Dollfuß-Opfer sollen mit Einzelfall-Prüfung rehabilitiert werden

Ein Gesetz, mit dem die Opfer von Unrechtsurteilen aus der NS-Zeit rehabilitiert werden sollen, wurde Ende des Vorjahres beschlossen. Nun gibt es Pläne, dies analog mit den Opfern von Urteilen des Ständestaates zu tun.

Ausgelöst hat die Debatte ein Brief von 97 Historikern, Politologen und Sozialwissenschaftlern an das Parlament. Im Justizausschuss des Nationalrates wurde am Mittwoch ein Antrag der Grünen behandelt, die SPÖ hat schon 2004 einen solchen gestellt, die ÖVP ist gesprächsbereit. Unter der Führung der Nationalratspräsidenten Barbara Prammer (SPÖ) und Fritz Neugebauer (ÖVP) soll bis zum Sommer geklärt werden, wie das Gesetz aussehen könnte.

Es geht um eines der heikelsten Kapitel österreichischer Geschichte: Der christlich-soziale Kanzler Engelbert Dollfuß schaltete 1933 das Parlament aus, im Februar ’34 gab es bewaffnete Kämpfe zwischen der Heimwehr und dem sozialdemokratischen Schutzbund. Unter der Regierung Dollfuß, der ’34 von NS-Putschisten ermordet wurde, gab es auch zahlreiche politisch motivierte (Todes-)Urteile und Haftstrafen bzw. Ausbürgerungen- und eben diese sollen jetzt aufgehoben werden. Oliver Rathkolb, Professor am Institut für Zeitgeschichte, plädiert für eine “doppelte Vorgangsweise: Es gibt klar dokumentierte Fälle, die man von vornherein im Gesetz rehabilitieren kann”. Die übrigen Fälle müssten von einer Historikergruppe geprüft werden, “um sicherzustellen, dass nicht Nazis, die Demokratie und Unabhängigkeit bekämpft haben und verurteilt wurden, rehabilitiert werden”.

Polit-Urteile

Insgesamt gehe es um rund 1000 politische Justiz-Urteile und bis zu 10.000 Haftstrafen und Ausbürgerungen. Rathkolb sieht gute Chancen, dass die Debatte um die Unrechtsurteile auch zu einer Neubewertung von Dollfuß’ Rolle führen kann. Bislang sei die Beurteilung “von Emotion überlagert, weil er von Nazi-Putschisten ermordet wurde”.

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“Ein langer Kampf nähert sich dem Ende” Wiener Zeitung

“Wiener Zeitung” Nr. 30 vom 13.02.2010                    Seite: 6

Ressort: Inland

Von Walter Hämmerle

Ein langer Kampf nähert sich dem Ende

Koalition einig über Rehabilitierung von Dollfuß-Opfern.

Wien. Am 12. Februar 1934 wurde in Linz ein Parteiheim der Sozialdemokraten nach versteckten Waffen durchsucht. In den Monaten zuvor hatten sich die Spannungen zwischen dem autoritären ständestaatlichen Regime Engelbert Dollfuß’ und der SPÖ mehr und mehr aufgeschaukelt. Es kam zum Widerstand – der Funke, an dem sich der Bürgerkrieg entzündete.

Bis zum 15. Februar kam es zu einem ungleichen Kampf von Bundesheer und Heimwehr gegen den sozialdemokratischen Schutzbund. Nach der Niederlage wurde die SPÖ verboten, ihre Anführer flohen ins Exil, die Spitzen des Schutzbunds wurden verhaftet, einige auch hingerichtet. Dollfuß selbst wurde im Juli 1934 bei einem Putsch-Versuch der Nationalsozialisten ermordet.

Obwohl längst vergangen, bewegt diese Epoche noch immer die Gemüter. 97 Wissenschafter fordern in einem Offenem Brief die Rehabilitierung der Dollfuß-Opfer und die Errichtung eines Denkmals. Die Grünen brachten bereits einen entsprechenden Antrag im Parlament ein.

Nun kommt Bewegung in diese Debatte. SPÖ und ÖVP verständigten sich über eine Einzelfallprüfung der Opfer des Regimes, um nicht die illegalen Nationalsozialisten gleich mit zu rehabilitieren. Im Justizausschuss am Mittwoch soll darüber beraten werden.

Zwar wurden im Rahmen des Opferfürsorge-Gesetzes die politischen Justizopfer der Jahre 1933 bis 1938 bereits rehabilitiert, für den Wiener Zeithistoriker und Mitunterzeichner des Wissenschafter-Briefes Oliver Rathkolb bleibt dennoch noch einiges zu tun: “Es gab allein zehntausend Anhaltungen, also Polizeihaft ohne Anklage, in dieser Zeit, von denen nur die prominenten Fälle aufgearbeitet wurden.” Bruno Kreisky etwa verbrachte sechs Monate unter diesem Titel hinter Gittern.

Der ÖVP zollt Rathkolb in dieser Frage Respekt: “Das ist eine ehrliche Überraschung für mich, dass sich nun etwas bewegt.” Auch wenn das Porträt Dollfuß’ auch weiterhin im ÖVP-Klub hängen wird.

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“Dollfuß-Opfer: ÖVP ist für “Einzelfallprüfung”" Die Presse

“Die Presse” vom 12.02.2010                                Seite: 3

Ressort: Inland

Ständestaat-Urteile

Dollfuß-Opfer: ÖVP ist für “Einzelfallprüfung”

Bild im ÖVP-Klub soll bleiben, sagt Nationalratspräsident Neugebauer.

Von Oliver Pink

Wien. Es ist eines der heikelsten Kapitel der österreichischen Zeitgeschichte: Auf der einen Seite standen die Sozialdemokraten, manche durchaus verbalradikal, und deren militärische Vorfeldorganisation, der Schutzbund. Auf der anderen die Heimwehr und der christlich-soziale Kanzler Engelbert Dollfuß, der den Worten dann auch Taten folgen ließ, die Demokratie aushebelte und ein autoritäres, mittelalterlich anmutendes Regime installierte, den Ständestaat.

Während im Vorjahr die Opfer der NS-Militärjustiz rehabilitiert wurden, sind die von der Regierung Dollfuß verhängten politisch motivierten Todesurteile und Haftstrafen noch nicht aufgehoben. Eine Gruppe von Wissenschaftlern rund um Historiker Oliver Rathkolb und Sozialwissenschaftler Emmerich Talos hat sich der Sache nun angenommen und einen Brief an die Nationalratsabgeordneten verfasst. Aktueller Anlass: Am Mittwoch wird im Justizausschuss ein Antrag des Grünen Albert Steinhauser behandelt, der die Rehabilitierung der Dollfuß-Opfer fordert. Ehemalige Nationalsozialisten sollen davon jedoch ausgenommen sein.

Auch aus diesem Grund plädiert der Zweite Nationalratspräsident, Fritz Neugebauer (ÖVP), für eine “Einzelfallprüfung”. Dies müsse möglich sein, da die Anzahl der Opfer überschaubar sei. Eine pauschale Amnestie lehnt er ab. “Ich bin aber dafür, alles wissenschaftlich genau aufzuarbeiten.” Schließlich sei die Geschichte der Zweiten Republik auch eine der Versöhnung. Neugebauer erinnert an den historischen Handschlag zwischen Bruno Pittermann (SPÖ) und Alfons Gorbach (ÖVP) und die Initiative von Heinz Fischer und Andreas Khol.

Soll das Dollfuß-Bild im ÖVP-Klub hängen bleiben? Ja, sagt Neugebauer, aus Respekt vor dem Menschen Dollfuß. Dieser sei “das erste Opfer der Nazis” gewesen. “Aber er war sicher kein Demokrat, das ist klar.”

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“Dollfuß-Opfer: SPÖ will mit ÖVP über die Rehabilitierung reden Hoffen auf baldige Einigung bei den “Februarkämpfern”" Der Standard

“Der Standard” vom 11.02.2010                              Seite: 6

Ressort: Innenpolitik

Dollfuß-Opfer: SPÖ will mit ÖVP über die Rehabilitierung reden Hoffen auf baldige Einigung bei den “Februarkämpfern”

Peter Mayr

Wien – Der offene Brief von 97 Forschern (Historiker, Politologen und Sozialwissenschafter) an die Regierung und an das Parlament, in dem die Rehabilitierung aller Opfer des Engelbert-Dollfuß-Regimes gefordert wurde, zeigt Wirkung: In der SPÖ glaubt man, dass zumindest die “Februarkämpfer” bald rehabilitiert werden.

Ein diesbezüglicher Antrag des Justizsprechers der Grünen, Albert Steinhauser, liegt bereits dem Justizausschuss vor. SPÖ-Justizsprecher Hannes Jarolim will nun “demnächst Gespräche mit den Grünen”, den “Briefschreibern” und dem Koalitionspartner ÖVP führen. Anders als den Wissenschaftern, die eine Rehabilitierung aller Dollfuß-Opfer fordern, geht es ihm “in erster Linie” um die “Februarkämpfer”. Eine Lösung erwartet er “im ersten Halbjahr”, früher nicht, denn: “In Kenntnis der ÖVP ist das nicht erwartbar.”

ÖVP-Justizsprecher Heribert Donnerbauer zeigt sich jedenfalls gesprächsbereit: “Es soll aber schon eine differenzierte Auseinandersetzung sein”, hält er fest. Für Donnerbauer ist die “juristische Rehabilitierung” allerdings längst erfolgt. Er verweist auf ein diesbezügliches Gesetz, das 1946 in Kraft getreten ist. Kritiker halten dem aber entgegen, dass im Gesetz nur von einer “Amnestie” gesprochen werde.

Dass es im ÖVP-Parlamentsklub das Bildnis von Engelbert Dollfuß immer noch gibt, stört Donnerbauer nicht: “Ja, das hängt!”, sagt er dazu nur.

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“97 Forscher kämpfen für Dollfuß-Opfer Gefordert wird die vollständige Rehabilitierung – SPÖ soll Initiative aufgreifen” Der Standard

“Der Standard” vom 06.02.2010

Ressort: Innenpolitik

97 Forscher kämpfen für Dollfuß-Opfer Gefordert wird die vollständige Rehabilitierung – SPÖ soll Initiative aufgreifen

Peter Mayr

Wien – Das Schreiben hat Sprengkraft: 97 Forscher – Historiker, Politologen und Sozialwissenschafter – verlangen die Rehabilitierung der Opfer des Engelbert-Dollfuß-Regimes und die Errichtung eines Denkmals in Wien.

Der offene Brief erging am Freitag an die Regierungsmitglieder, den Bundespräsidenten und alle Abgeordneten plus Parlamentspräsidium. “Es geht uns nicht darum, aus sicherer zeitlicher Distanz zur eigenen moralischen Erbauung den Stab über anderen zu brechen”, heißt es darin. Beklagt wird, dass die wissenschaftliche Erkenntnis und das “öffentliche historische Bewusstsein auseinanderklaffen”.

Wie heikel das Thema ist, wissen auch die Forscher: “Von der ÖVP wird es in Teilen großen Widerstand geben”, ist sich der Sozialwissenschafter Emmerich Tálos sicher. Schließlich würde so die “These von der geteilten Schuld der Christlich-Sozialen und der Sozialdemokraten unterlaufen”. Er hofft auf die SPÖ, denn: “Trotz der Schonungsbemühungen in Richtung Koalitionspartner gehe ich davon aus, dass sie das aufgreift.” Wenn nicht? “Das hielte ich für den größten Skandal der Sozialdemokratie”, es wäre “unverzeihlich”.

Der Politologe Anton Pelinka fürchtet, dass “die Volkspartei noch eine Generation brauchen wird”. Aber, sagt er auch, er wäre “angenehm überrascht”, wenn sich auch die Volkspartei in dieser Sache bewegen würde. Sein Beweggrund für die Teilnahme an der Aktion ist klar: “Die Opfer des 1934 mit Gewalt errichteten autoritären Regimes wurden noch immer nicht rehabilitiert.”

Die Forscher wollen, dass alle “Opfer des Austrofaschismus” bedacht werden, wie einer der Mitorganisatoren, Florian Wenninger vom Zeitgeschichte-Institut an der Uni Wien, erklärt. Es gehe nicht nur um die Verurteilten der Standgerichte, sondern auch um die tausenden Menschen, die in Anhaltelager eingesperrt wurden, und die vielen, die man nach ihrer Flucht ins Ausland kurzerhand ausgebürgert hat. Eine Einschränkung gibt es: “Uns geht es nicht um die Rehabilitierung von Nationalsozialisten.” Eine Einzelfallprüfung sei “sinnvoll”.

Als ersten Schritt verweisen die Autoren des offenen Briefes auf einen Antrag, der dem Justizausschuss vorliegt. Grünen-Justizsprecher Albert Steinhauser fordert darin die Rehabilitierung all jener Personen, die 1934 von den Standgerichten zum Tode verurteilt wurden. Am 17. Februar wird getagt. Der Grüne hofft, dass dann “ohne Scheuklappen an das Thema herangegangen wird”.

Die Forscher schreiben in ihrem Brief: “Die Initialzündung für eine kritische Befassung mit Geschichte bildeten in der Vergangenheit oftmals symbolische Akte. Für einen solchen Akt wäre nunmehr die Gelegenheit gekommen.”

Standard -Podiumsdiskussion: “Wieso wird immer noch über Dollfuß gestritten?” mit dem Historiker Oliver Rathkolb und dem früheren Nationalratspräsidenten (VP) Andreas Khol u. a. Donnerstag, 11. 2., 19.00 Uhr im Wien Museum am Karlsplatz.

14.07.10 | 1 Kommentar

“Die Zerstörung einer Utopie” Wiener Zeitung

“Wiener Zeitung” Nr. 31 vom 14.02.2009                      Seite: E2

Ressort: tangenten

Von Susanne Breuss

Die Zerstörung einer Utopie

schwarz & weiß

Auch wenn das Familienalbum seit alters her im Allgemeinen dazu dient, die schönen Momente des privaten Lebens zu bewahren, hinterlässt die “große Politik” dennoch immer wieder ihre Spuren darin. Häufig wohl eher indirekt, doch manchmal auch sehr unmittelbar – wie im Fall der hier abgebildeten Aufnahme vom März 1934, die den in den Februarkämpfen jenes Jahres beschossenen “Goethehof” in Wien-Donaustadt zeigt (denn dieser transdanubische Bezirk gehörte damals zur Leopodstadt, zum 2. Wiener Gemeindebezirk).

Solch Dokumente politischer Gewalt inmitten typischer Familiensujets muten auf den ersten Blick befremdend an, soll doch nichts die Harmonie der persönlichen Erinnerungsfotos stören. In Anbetracht der Bedeutung, die dem bewaffneten Bürgerkrieg von Februar 1934 im kollektiven Gedächtnis der Wiener zukommt, erscheinen jedoch gerade Aufnahmen wie etwa jene von zerstörten Gemeindebauten keineswegs als “Fremdkörper” im visuellen Familiengedächtnis.

Die Niederschlagung der Sozialdemokratie durch das austrofaschistische Regime versinnbildlichte sich in den durch Artilleriebeschuss beschädigten baulichen Manifestationen des “Roten Wien” auf besonders eindringliche Weise. Die Gemeindebauten waren nicht nur weltweit beachtete Symbole der sozialdemokratischen Wohnbaupolitik, sondern auch reale Orte eines reformierten Alltagslebens.

Der politische Gegner empfand es daher als besondere Genugtuung, die verhassten “roten Festungen” in Trümmern liegen zu sehen. So veranlasste die Regierung Dollfuß nach den Februarkämpfen etwa die Herausgabe einer Postkartenserie mit Ansichten zerschossener Wiener Gemeindebauten. Offensichtlich fanden solche Ansichtskarten jedoch weniger Eingang in die privaten Fotosammlungen von Angehörigen der Polizei, des Bundesheeres oder der Heimwehr, als vielmehr in jene der Opfer und Verlierer. Für diese dokumentierten diese Bilder nicht nur die Zerschlagung des politischen Widerstands, sondern auch das Ende einer großen Hoffnung, die sich auf weit mehr als nur politische Programme bezog: Die Gemeindebauten standen für ein Stück gelebte Utopie, und die Zerstörung dieses unmittelbaren Lebensumfeldes war zugleich eine massive Bedrohung der persönlichen Identität.

In den Jahren 1928 bis 1930 erbaut, zählte der zwischen Kaiserwasser und Schüttaustraße gelegene “Goethehof” zu den imposanten Vorzeige-Wohnhaus anlagen des “Roten Wien” – und war deshalb im Februar 1934 besonders hart umkämpft. Das “Café Goethehof” wurde im Zuge der Kampfhandlungen vollkommen zerstört, ebenso die darüber liegenden Wohnungen.

Die Zeitung “Germania” berichtete: “Vielleicht an keinem anderen Ort sieht man die Schrec ken des Bürgerkrieges deutli cher als hier. Die Bewohner irren verschreckt umher und sehen verstört auf das Trümmerfeld, das ehedem ihre Wohnung war.”

Die Vermutung liegt nahe, dass es sich bei den ursprünglichen Besitzern dieses anonymen Fotos um Bewohner des “Goethehofes” gehandelt hat. Und möglicherweise befand sich ihre Wohnung im Bereich des fotografierten Gebäudeabschnitts.

Susanne Breuss, geboren 1963, ist Kulturwissenschafterin und Kuratorin im Wien Museum.

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“Österreich brennt – drei Tage lang” Die Presse

“Die Presse” vom 14.02.2009                               Seite: 36

Ressort: Feuilleton

Österreich brennt – drei Tage lang

VOR 75 JAHREN. Im Bürgerkrieg 1934 hauchte die Erste Republik den letzten Atem aus.

Am 12. Februar 1934 läutet um 7.15 Uhr bei Landeshauptmann Josef Schlegel in Linz das Telefon: “Im Hotel Schiff ist Polizei. Bitte rufen Sie die Polizei zurück, sonst geschieht Schreckliches!” Es ist Richard Bernaschek, Landesparteisekretär der oö. Sozialdemokraten (siehe “Zeitgeschichte” vom 7. Februar 2009). Mit einigen Getreuen vom Schutzbund hat er sich in dem Hotel verschanzt und die Parteileitung in Wien wissen lassen, dass man sich der “schwarzen” Heimwehr nicht kampflos ergeben werde. Die autoritär regierende christlichsoziale Partei in Wien und die Heimwehr lassen es darauf ankommen – Österreichs Bürgerkrieg hat begonnen. Er sollte drei Tage dauern, 375 Tote und weit über tausend Verwundete fordern.

Noch während der Kämpfe ließ Bundeskanzler Dollfuß die Sozialdemokratische Arbeiterpartei SDAP verbieten. Rund 10.000 Funktionäre wurden verhaftet, bereits ab 14. Februar tagten die Standgerichte in Permanenz; 21 Schutzbündler wurden zum Tod durch den Strang verurteilt, neun davon wurden tatsächlich exekutiert. Dem gesamtösterreichischen Schutzbundführer Julius Deutsch und dem ideologischen Anführer der SDAP, Otto Bauer, gelang die Flucht in die Tschechoslowakei. Es war ein Debakel auf der ganzen Linie. Der Hass der Sozialdemokraten auf Dollfuß aber, der blieb. Und er sollte bis in unsere Tage tief sitzen. Man muss nicht erst an Bruno Kreisky erinnern, der eher die Freiheitlichen förderte, als den “Schwarzen” auch nur einen Zentimeter nachzugeben.

Junge Bürscherln: Olah und Kreisky

In den Februartagen 1934 war der spätere SP-Bundeskanzler freilich noch ein ganz kleiner freiwilliger Meldegänger. Seine lebenslange Freundschaft mit Franz Olah und Felix Slavik rührt aus diesen Sturmtagen. Olah (er wird übrigens am 13. März 99 Jahre alt) war am 15. Jänner 1934 aus sechswöchiger Polizeihaft heimgekehrt. Sein Delikt: Verbreitung sozialistischer Schriften. Mit dem Studenten Bruno Kreisky vervielfältigte der Heimkehrer nun auf einer alten Gstetner-Abziehmaschine den Streikaufruf der Parteiführung. Doch das Ganze stellte sich nicht nur als militärisches Dilettantentum heraus, es war noch viel mehr ein organisatorisches Desaster.

“Wir haben den Aufruf zwar vervielfältigt, aber unter die Leut’ haben wir die Blattln nicht mehr gebracht”, erinnert sich Olah. “Es war alles umsonst. Nichts hat funktioniert. Ja, wir waren bewaffnet, wir waren vorbereitet, hatten aber nie ernstlich daran gedacht, Krieg zu führen. Die Partei war nicht auf den Bürgerkrieg aus. Sie wollte nur die anderen mit einer Abwehrhaltung schrecken. Otto Bauer hat Gewalt verabscheut.”

Die Gegenseite war da weniger zimperlich. Sie hatte die Heimwehr, das Bundesheer und die Polizei zur Verfügung. “Daher kann ich Norbert Leser mit seiner Theorie von der ,geteilten Schuld’ nicht recht geben”, meint Olah: “Der ins Eck gedrängte Schwächere hat nicht die gleiche Schuld wie der an der Macht Befindliche, von dem es abhängt, ob die Gewehre schießen oder nicht.”

Der größte Fehler, sagt Olah, sei schon am 5. März 1933 passiert, nach der Ausschaltung des Parlaments. “Damals hätten wir kämpfen müssen. Wenn man kämpfen will, muss man das in der ersten Stunde tun. Nicht in der letzten. Wir hätten losschlagen sollen, mit allen Mitteln, die zur Verfügung standen, dann hätten wir die Macht gehabt. Ohne Rücksicht! Wir hätten die anderen nicht aufgehängt! Aber wenn man nicht kämpfen will, soll man gleich kapitulieren.”

“Wo sind Waffen?”

Um zu retten, was nicht mehr zu retten war, eilte Olah nach Hernals “in meine Sektion, wo ich Vertrauensmann war. Da saßen die Genossen in der Finsternis bei Kerzenlicht. Die Mistkübelautos der Gemeinde hätten mit Maschinengewehren ausgerüstet werden und in die Innenstadt fahren sollen. Das waren schwere Geräte. Aber niemand hat gewusst, wo die sind.”

Auf nach Hietzing zu einem Funktionär: “Der hat einen Revolver gehabt. Na, was sollen wir mit einem Revolver anfangen? Das war’s. Wir sind herumgerannt: Wo sind Waffen, wo ist ein Sprengstoff, damit wir was in die Luft jagen können? Nichts war da. Meistens waren die Waffenlager schon verraten worden.”

Schon eine Woche später wurde eine provisorische illegale Parteileitung aufgebaut. “In Hernals war kein Griss um die Funktionen, also war ich Bezirksleiter, ein halbes Jahr später Chef der Wiener Partei. Wurde einer verhaftet, rückte der Nächste nach.” Und wieso ist er nicht sofort hopsgenommen worden? “Ich war a bissl klüger als die Schutzbundführer, ich habe nicht daheim geschlafen.”

Mit einer Netzkarte der Arbeiterkammer pendelte Olah den ganzen Tag durch Wien und konnte die illegale Partei betreuen. “150 Schilling hab ich von der Partei im Monat gekriegt.” Bis zum April 1935. Dann kam Olah wieder in Haft.

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